„Mein erstes Leben“

Charis war Balletttänzerin an der Staatsoper Berlin – bis ihr Knie der Belastung nicht mehr standhielt.
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4. April 2017
Die ehemalige Balletttänzerin Charis Riad ist mit viel Arbeit, viel Bewegung und viel Leistungsdruck groß geworden. Irgendwann war die Belastung für ihre Gelenke zu groß und ihre Karriere vorbei.

Charis, es gibt manchmal einen Moment im Leben, über den man rückblickend sagt: „Der hat mein Leben verändert.“ Gab es für dich so einen Schlüsselmoment, den du nie vergessen wirst?

Den gab es. Ich war das erste Mal hinter der Bühne der Staatsoper Berlin. Ich habe diese heißen Scheinwerfer auf meiner Haut gespürt, die Musik vom Orchester gehört, den Duft von Puder gerochen und diese feierliche Stille unmittelbar vor meinem ersten großen Auftritt in mich aufgesogen. Dann hörte ich die letzten vier Takte – das Zeichen für meinen Auftritt. Und dann stand ich auf der Bühne. Ich habe nur noch Euphorie gespürt. Die Schmerzen von dem harten Training, die mich hinter der Bühne noch völlig gelähmt haben, waren plötzlich weg.

Solche Momente machen süchtig!

Wie alt warst du, als du diesen Moment erlebt hast?

Ich war noch jung. Mitten in der Ausbildung an der staatlichen Ballettschule Berlin. Es war mein erster großer Auftritt – im Nussknacker. Seit diesem Auftritt wusste ich, worauf ich hinarbeitete.

Wie bist du zum Ballett gekommen?

Ganz ehrlich? Meine Mutter hat mich zum Ballett geschickt. Ich war unsportlich und habe mich nicht gerne bewegt. Aber Musik habe ich schon immer geliebt und im Wohnzimmer habe ich zur Musik von Schallplatten getanzt – also wurde es Ballett. Tja, und dann gab es die Aufnahmeprüfung an der staatlichen Ballettschule Berlin – die war zu DDR-Zeiten eine renommierte Kaderschmiede. Ich bin durch alle Prüfungen gekommen und wurde aufgenommen. Acht lange Jahre Ausbildung folgten. Das war der Beginn meines ersten Lebens – ich sage immer:

Mein erstes Leben habe ich mit Ballett verbracht.

Wie hast du deine Ballettausbildung in Erinnerung?

Das Problem beim Balletttanz ist, dass er für den Körper eine sehr einseitige Belastung darstellt. Diese fordert dann ziemlich schnell ihren Tribut. Ausgleichstraining fand in der Ausbildung einfach zu wenig Berücksichtigung. Die Tänzer hatten deshalb am häufigsten Knieprobleme, Erkrankungen der Achillessehne und der Füße.

Könnte man sagen, dass dein Kniegelenk schon während der Ausbildung Schaden genommen hat?

Es ist ein schleichender Prozess gewesen. Eine Balletttänzerin arbeitet immer mit gestreckten Beinen. Die Füße in den Spitzenschuhen werden immer an das Gelenk angepresst. Für diese Haltung ist der vordere Oberschenkelmuskel zu kurz und übt einen zu hohen Druck auf die Knorpel und Kapseln aus. Bei mir wurden die Beschwerden durch diese unnatürliche Belastung irgendwann chronisch, weil es kein Entlastungstraining gab.

Wie lange hast du als professionelle Balletttänzerin gearbeitet?

Nach meiner achtjährigen Ausbildung tanzte ich an der Berliner Staatsoper – dort war ich vier Jahre. Aber ich hatte jeden Tag Schmerzen und fiel durch meine Knieprobleme immer wieder aus.

„Dann kam die Wende.“

Damit meine ich zum einen den Mauerfall, aber tatsächlich auch eine Wende in meinem Leben. Sozusagen der zweite Schlüsselmoment meines Lebens.

Was ist passiert?

Ich ging die Treppen der S-Bahn-Haltestelle unter starken Schmerzen im Knie runter und dachte, dass ich nie wieder einen Tag in meinem Leben ohne Schmerzen erleben werde. Mir tat damals alles weh: bewegen, beugen, jedes einzelne Training. Ich habe versucht, die Knieschmerzen mit Tabletten, Cremes und Spritzen in den Griff zu bekommen. Und dann wurde mir auf dieser Treppe klar: Wenn ich in meinem Leben noch etwas anderes machen möchte, dann jetzt! Ich habe einfach aufgehört.

Wie ging es dann weiter?

Nachdem ich aufgehört hatte zu tanzen, konnte ich plötzlich ein „normales“ Leben ohne Entbehrungen führen. Ich konnte Weihnachten feiern, ich konnte auf einmal essen, was ich wollte, und ich konnte Kinder kriegen – es gab so vieles, was ich plötzlich konnte. Das Beste aber: Ich hatte keine Schmerzen mehr – es war wie ein Wunder für mich. Natürlich nicht von heute auf morgen, aber ich hatte für mich gewisse Trainingsformen erarbeitet, die mir halfen.

Was waren das für Trainingsformen?

Nachdem ich meine Tanzkarriere beendet hatte, beschloss ich, eine Ausbildung zur Physiotherapeutin zu machen. Es war für mich undenkbar, einen Beruf am Schreibtisch auszuüben, und ich wollte Menschen helfen. Ich habe in dieser Zeit auch immer mehr das Yoga für mich entdeckt. Das hat mir und meinem Körper sehr geholfen. Auch die Weiterbildung zur Physiotherapeutin hat mir gezeigt, dass der Kern von allen krankengymnastischen Maßnahmen eigentlich Yoga ist ­– eine Lehre, die es schon seit vielen Tausend Jahren gibt.

Yoga ist also heilsam für dich – wie fühlst du dich nach einer Yogastunde?

Nach einer Yogastunde fühle ich Leichtigkeit, ich fühle mich getragen von mir selbst und ich spüre ein Riesenherz in mir, das Freude ausstrahlt. Vielleicht war Yoga der dritte Schlüsselmoment meines Lebens.

Was kannst du jemandem mitgeben, der wie du sein ganzes Leben neu ausrichten muss?

Ich denke, jeder hat seine Zukunft selbst in der Hand. Das Leben ist ein ständiges Vorankommen. Wer nicht vorwärtsgeht, stagniert.