„Es war wie ein Atomschlag in meinem Knie“

Pascal hat mit seinem BMX-Rad einen schweren Unfall. Danach muss er das Laufen neu lernen.
In Balance
12. Juli 2017
Eine Unhappy Triad zwingt Pascal dazu, kleinste Bewegungsabläufe neu zu lernen. Dass er heute wieder auf seinem Rad sitzt und Tricks macht, grenzt an ein Wunder.

Pascal Blaurock fährt wieder Fahrrad. Und nicht nur das: Er macht Backflips, Tail Whips und No Hands – spektakuläre BMX-Tricks für Profis. Und er fährt mit Vollgas Trails im Wald, bergab und durch enge Kurven. Das ist nicht selbstverständlich, wenn man Pascals Geschichte kennt. Vor eineinhalb Jahren hatte er einen so schweren Unfall, dass die Ärzte ihm eigentlich gesagt haben, dass er nicht mehr wieder Fahrrad fahren könne.

Schwerwiegende Verletzung des Kniegelenks

„Unhappy Triad“ lautet die Diagnose, und unglücklich ist daran wirklich alles: Bei einem Standardtrick verletzt Pascal sich schwer. Der Grund ist banal: Der Boden in der BMX-Halle ist nass und rutschig.

Die Unhappy Triad ist eine sehr seltene und schwerwiegende Kombinationsverletzung des Kniegelenks, die durch eine erzwungene Rotationsbewegung bei gleichzeitig angewinkeltem Kniegelenk entstehen kann. Genau das beschreibt Pascal im Nachhinein: Bei einem vergleichsweise einfachen Trick bleibt er mit dem rechten Fuß auf dem Boden stehen, dreht sich ansonsten aber weiter. In diesem Moment ändert sich für Pascal alles – auch wenn er das in den ersten Minuten nach seinem Sturz natürlich noch nicht so einschätzt. „Der Unterschenkel hat sich aus der Kniescheibe herausgedreht. Dann gab es einen lauten Knack. Ich habe in dieser Situation nichts wahrgenommen, war nur fokussiert auf mein Knie“, erinnert sich Pascal. Ein Freund bringt ihm einen Eisbeutel zum Kühlen des Knies, eine schöne Geste, doch zu retten ist nichts mehr. „Eine Unhappy Triad ist wie ein Atomschlag im Knie“, beschreibt Pascal seine Verletzung.

Die Unhappy Triad ist wie ein Atomschlag im Knie.

Mehrere Brüche und Bänderrisse

Zusätzlich zu der Unhappy Triad – also dem Riss des vorderen Kreuzbandes, des Innenband mediales und der Verletzung des Innenmeniskus – hat Pascal sich Kniescheibe, Kniegelenk, Kniegelenksäule, Ober- und Unterschenkel gebrochen, die Außenbänder, das hintere Kreuzband, den Quadriceps und die sensiblen Nerven unterhalb des Knies gerissen. Kurz: In Pascals Bein ist eigentlich nichts mehr intakt. Als die Ärzte ihm vor einer notwendigen Operation ein Formular vorlegen, muss er unterschreiben, dass er einer eventuell unvermeidlichen Amputation zustimmen würde.

In ein Loch fällt er trotzdem nicht, im Gegenteil. Seine Familie und Freunde sind von Anfang an eine große Stütze für ihn und helfen mit, dass Pascal das Ziel nicht aus den Augen verliert. Und das heißt: wieder aufs Rad, so schnell und so gut wie möglich.

Gezielte Übungen helfen bei der Heilung

Viele Physiotherapeuten schreiben Pascal nach den ersten OPs an, sie würden gerne mit ihm zusammenarbeiten und ihn wieder auf den Weg bringen. Die Verletzung ist eine Herausforderung für alle Beteiligten; für Pascal, aber auch für die Ärzte und Therapeuten, die zum Teil zum ersten Mal eine so komplexe Beinverletzung behandeln. „Die Ärzte haben mir damals gesagt, dass ich erst nach zwölf Monaten wieder laufen können werde. Da wusste ich: Das wird ein langer Weg. Ich hab versucht, das Beste daraus zu machen.“

Ich musste das Laufen neu lernen.

Rückblickend erzählt Pascal, dass er seinem Physiotherapeuten alles zu verdanken habe: „Ohne ihn würde ich heute nicht hier sitzen und vor allem auch nicht mehr meinen Sport ausüben.“ Er zeigt Pascal, dass er mit vielen gezielten Übungen die muskuläre Grundbasis wieder sehr gut aufbauen kann. „Während der Physio wurde mir bewusst, was ich eigentlich alles nicht mehr machen kann. Ich musste das Laufen neu lernen“, erzählt Pascal. „Bewegungen, die man eigentlich als kleines Kind schon lernt, musste ich neu lernen.“

 

Orthese gibt Sicherheit und stabilisiert

Noch immer ist Pascals Bewegungsumfang deutlich eingeschränkt. „Mein Antrieb für die Zukunft sind die kleinen Erfolge, die ich erlebe. Statt nach zwölf konnte ich bereits nach vier Monaten wieder laufen, saß sogar schon wieder auf dem Fahrrad. Da wusste ich: Hier bist du zu Hause. Hier gehörst du hin. Das sind kleine Schritte, die mich anspornen und ermutigen.“

Erfolge – auch kleine – zu sehen: Das ist wichtig.

Pascal merkt aber auch, dass sein Knie noch nicht wieder so sicher ist wie vor dem Unfall und er daran arbeiten muss. Dabei hilft ihm, dass seine Orthese ihn absichert und sein Knie stabilisiert. Nach der OP trägt Pascal ständig seine Orthese, später noch bei der Physiotherapie und jetzt noch beim Radfahren. „Das ist auch wichtig für den Kopf. Du weißt, du hast die Orthese am Knie und traust dir wieder was zu, du wirst mental freier.“

„Eine Unhappy Triad ist sehr selten und trifft zum Glück nur wenige Menschen. Aber wenn ich es sogar danach wieder aufs Fahrrad schaffe, dann können andere das auch, auch und vor allem wenn es sich um weniger komplexe Verletzungen handelt“, ist Pascal sich sicher. „Ich bin als Gewinner aus der Sache gegangen. Ich habe viel mitgenommen und gelernt für die Zukunft. Trotz allem: Diese Zeit will ich nicht missen.“